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Gotik ohne Grenzen
Katalogbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Schloßbergmuseum Chemnitz 2016

Wer sich für mittelalterliche Lebenswelten interessiert, wer Gefallen findet an der ebenso prächtigen farbenfrohen wie andererseits leisen und nachdenklichen Kunst aus Kirchen, Kapellen und Klöstern an der Schwelle zur Neuzeit, wer eintauchen will in die feierliche klösterliche Stille einer alten Abtei, der sollte unbedingt nach Chemnitz kommen! Hier, in den Kunstsammlungen Chemnitz / Schloßbergmuseum wird – eingebettet in den Kreuzgang, den Kapitelsaal, das Refektorium des ehemaligen benediktinischen Reichsklosters – in Kooperation mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die Ausstellung "Gotische Skulptur in Sachsen" gezeigt. Die Chemnitzer Ausstellung – die repräsentativste ihrer Art im sächsischen Freistaat – lässt den immensen kulturellen Reichtum vergangener Epochen erahnen. Hochkarätige Figurenensembles wie das einzigartige Heilige Grab aus der Chemnitzer Hauptkirche St. Jakobi oder der Topfseifersdorfer Altar, der zu den ältesten erhaltenen Retabeln in Sachsen zählt, ziehen den Betrachter ebenso in ihren Bann wie die ausdrucksstarken Einzelwerke virtuoser spätmittelalterlicher Künstler, etwa eines Peter Breuer, Hans Hesse oder eines Meister HW.
Doch leider wissen wir heute noch immer viel zu wenig über das Kunstschaffen an der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit: Weder liegen uns detaillierte Kenntnisse über die Künstler, ihr Leben und ihren Schaffensprozess vor, noch kennen wir in den meisten Fällen ihre weltlichen und geistlichen Auftraggeber, ja häufig fehlen sogar grundlegende Informationen über die originären Standorte der Skulpturen, Tafelgemälde und Figuren-ensembles – kurz: der heutige Forschungsstand zur spätmittelalterlichen Kunst im sächsischen Raum entspricht nicht annähernd ihrer Bedeutung. Hier nun setzt die aktuelle Arbeit der Kunstsammlungen Chemnitz / Schloßbergmuseum an: nämlich das öffentliche Bewusstsein für diesen Reichtum zu schärfen und über die museale Arbeit im Umfeld von Exkursionen, Ausstellungen, Kolloquien und Publikationen zu neuen Erkenntnissen über diese wichtige Facette historischer und kultureller Identität zu gelangen.
Die ersten grundlegenden Erkenntnisse, die im Umfeld dieser Aktivitäten schnell offenbar wurden, nämlich dass noch heute innerhalb der Grenzen der "Stadt der Moderne" insgesamt neun gotische Flügelretabel existieren, dass es in den Dörfern und Gemeinden im Chemnitzer Umland eine enorme Anzahl teils spektakulärer sakraler Inventarstücke aus der Zeit um 1500 gibt – diese Erkenntnisse ließen beizeiten den Fokus unserer musealen Bemühungen über den Chemnitzer Raum hinaus gehen: Natürlich korrespondieren die Werke des Chemnitzer Umlandes auch mit jenen Objekten, wie wir sie in den Kamenzer, Zwickauer, Freiberger oder Leipziger Sammlungen finden und in denen die herrschaftspolitischen und künstlerische Beziehungen vergangener Jahrhunderte greifbar werden. Und wenn wir schließlich von Sachsen aus nur wenige Kilometer nach Süden, über den Erzgebirgskamm nach Tschechien gehen, dort die museal hervorragend präsentierten sakralen Plastiken und Bilder in Komotau (Chomutov) und Brüx (Most) auf uns wirken lassen, dann spätestens wird klar, dass künstlerischer Austausch am Ende des Mittelalters bei weitem nicht nur auf das unmittelbare Umfeld von Städten, Herrschaftssitzen und Klöstern beschränkt blieb, sondern immer wieder auch Herrschafts- und Landesgrenzen überschritt und in einen fruchtbaren Dialog miteinander trat.

Dr. phil. h. c. Ingrid Mössinger
Generaldirektorin Kunstsammlungen


Oben: Geißelsäule des Meisters HW, um 1510, Schloßkirche Chemnitz

Darunter: Kelch, unbekannter Meister
um 1452-1466;
St. Marienkirche Werdau


Gegenüber: Lukas Cranach d.Ä.: Hl. Margaretha vom ehemaligen Retabel des Prager Veitsdoms, 1. Jahrzehnt 16. Jahrh.


Unten links: Schmerzensmutter, Umkreis Meister HW, Schloßbergmuseum Chemnitz,
um 1505-1510


Unten rechts: Hans von Köln/Franz Maidburg:
Astwerkportal der Chemnitzer Benediktiner-Klosterkirche, vollendet 1524/1525

   
   

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